X-Mas Metal Meeting IV, Trier, Ex-Haus, 20. Dezember 2008
holopain am 21 Dec 2008
Und schon wieder hat es mich in den Metaltempel vor Triers Pforten gezogen, um dort dem Gott des Metal ein Opfer in Form von Nackenmuskelkater darzubringen. Das dort veranstaltete X-Mas Metal Meeting IV hat sich mittlerweile zu einem extrem kultigen Insidertipp gemausert, bei dem man immer wieder sehr interessante regionale Bands kennenlernen kann. Dummerweise war ich etwas spät an, da meine holdes Weib nicht wußte, was sie anziehen soll (dabei hängt der ganze Schrank voll mit Klammotten), Lederhose und Corsage oder doch besser Jeans und Metalshirt? Das ist hier die Frage.
Besagte "terminliche" Schwierigkeiten führten dann dazu, dass ich die erste Band Scapegoat leider verpasst habe, allerdings konnte ich dann den ganzen Abend meine bessere Hälfte in Corsage und Jeans bewundern, ist das nicht ne Entschädigung?
Leider musste ich dann meine Augen von der Corsage wegreißen und mich auf Disfigured konzentrieren, allerdings sind die haarigen Kerle im schwitzigen Shirt dann doch optisch nicht so prickelnd. Ihr Hochgeschwindigkeits Death Metal ist sicherlich mit höchsten Ambitionen und technisch extrem versiert vorgetragen, allerdings geht dies auf Kosten der Eingängikeit und kann mich persönlich nicht so vom Hocker reißen, jedoch gibt es sicherlich Fans von schnellster Death Metal Pracht, die dieses Intermezzo zum Jahreshöhepunkt krönen würden, ich gehöre jedenfalls nicht dazu.
Weiter geht, oder besser gesagt röhrt es mit Slaves under Machine Gods aus dem Saarland, deren Sänger als Einstieg locker nen einmütigen Elch - Brunftruf loslässt, der sicherlich sämtliche Elchfrauen aus Skandinavien dazu veranlasst hat, sich auf den Weg nach Trier zu machen. Die Jungs habe sich klaren Death Metal der 90er Jahre auf die Fahnen gschrieben, hier standen Bands wie Obituary, Death oder Benediction Pate; das schlägt sich besonders in den mal groovigen Arrangements, mal old schooligen Songs der Band nieder, es knarzt, rumpelt und rockt an allen Ecken und Enden extrem geil durch das Kellergewölbe. Über Allem thront der wahrlich erhabene Gesang des Frontmanns, der mit seinem Organ immer wieder gekonnt Akzente setzen kann und, was nicht selbstverständlich ist, sogar verständliche Growls und Shouts liefert.
Die nächste Band ist Enraged by Beauty. Diese Band ist ein Phänomen, da sie live extrem kacke rüberkamen, auf Platte dafür umso mehr Arsch treten. Vielleicht lag es am schlecht gebalanceten Sound im Ex-Haus, dass selbiger total matschig und undifferenziert rüber kam, vielleicht hatte die Band nen schlechten Tag. Mich konnte sie am gestrigen Abend wenig beeindrucken, retrospektiv betrachtet und mit der CD in der Hand macht die Band einen komplett anderen Eindruck. Die Mucke ist aggresiv, clever geschrieben und rockt mich sehr von meinem Chefsessel. Die schönen Gitarrenläufe werden intelligent an der richtigen Stelle abgebrochen und geben der Band etwas Spontanes, um sich dann wieder im Refrain zu finden und den Songs eingängige Strukturen zu verschaffen.
Die fünfte Band in der Running Order sind die großartigen Flesh Divine. Sie verstehen es gekonnt, den Set mit einem irritierenden Blues Brothers Medley anzustimmen (in stilechter Krawatte und Hut), um dann mit Kraft über das glotzende Publikum herzufallen. Hier entfaltet sich eine tiefgründige Groovemachine, die Szenegrößen wie Six Feet Under Lichtjahre hinter sich lässt. Es ordnet sich alles dem unglaublichen Drumming unter, dass in seinen Phrasierungen und Akzenten an längst vergangene Pantera Tage denken lässt. Dies spürt auch das Publikum und bangt unisono um die Wette, pogt was die Muskeln hergeben und rockt durch das ganze Ex-Haus. Flesh Divine packen vor Selbstbewußtsein dick geschwollene Eier auf die Bühne und beherrschen diesen Abend, wie selten von einer Band gesehen. Ergänzt wird die Groovefraktion duch zwei beste Gitarristen ihres Faches, hier verbindet sich Rhythmus, Können und Taktgefühl zu einem mächtig abgehenden Mix aus sämtlichen Superlativen, die mir noch einfallen könnten; es ist ein wahres Fest. Zum Beweis des Könnens der Band versüßt der Drummer dem Publikum den Abend mit einem grandiosen Schlagzeug Solo, dessen erste Hälfte einen kleinen Helikopter auf die Bühne zaubert, zur zweiten Hälfte mit VERBUNDENEN Augen nochmal einen drauf setzt und den Helikopter auch noch abheben lässt. Selten so gestaunt. Dass von dieser Band eine CD besorgt wird, ist ja wohl Ehrensache. Also Freundin vorgeschickt, sie lieb gucken und um persönliche Widmung bitten lassen. Dass Flesh Divine extrem humorvoll und sehr fanfreundlich reagieren, macht die Band umso sympathischer. Der Gitarrist rennt nämlich durchs ganze Ex - Haus und trommelt die Bandmember zusammen, verpflichtet sie zu Autogramm und Widmung, die sich folgendermaßen liest: "Mit Widmung für... die 1,20 Frau". Das ist einfach nur Kult.
Dass die nächste Band dagegen einfach nicht ankommen kann, ist ne klare Sache. Außerdem habe ich mich bei Flesh Divine sowas von müde gebangt, dass ich keine Kraft mehr für Incise habe, folglich auch nichts über sie berichten kann. Mit einem seelischen Lächeln und spontanen FLESH DIVINE Rufen verabschieden wir uns in Richtung nach Hause und Bett.
Running Order, X-Mas Metal Meeting IV, Trier:
1. Scapegoat
2. Disfigured
3. Slaves under Machine God
4. Enraged by Beauty
5. Flesh Divine
6. Incise