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36 Crazyfists - Lanterns 2017

"Lanterns“ erschafft eine dunkle, teils sogar furchterregende Atmosphäre

36 Crazyfists - Lanterns 2017



Nach dem 2015er 36 Crazyfists-Album "Time And Trauma", das in den USA in den Billboard Heatseeker Charts auf Platz 2 gelandet ist, kehrt das Quartett aus dem frostigen Anchorage, Alaska mit "Lanterns" nun im Spätsommer 2017 zurück.
Brock Lindow war in einem Loch - der Sänger der amerikanischen Metalformation 36 CRAZYFISTS hatte die letzten Jahre mit einer ziemlich fiesen Depression zu kämpfen. Leicht war es nicht, dort wieder herauszufinden, sodass selbst das Songwriting nicht mehr so richtig von der Hand laufen wollte. Erst im Angesicht der Urgewalt der Natur - auf einem Lachskutter vor der Küste Alaskas - fand der Fronter wieder zu sich selbst und seiner Kreativität. Geprägt haben diese Erfahrungen folglich nicht nur ihn, sondern auch "Lanterns“, das neue Album des Quartetts, dessen Titel das Licht am Ende des Tunnels symbolisiert.

Und ja, "Lanterns“ schmeckt nach rauer Seeluft und kalten Wellen, welche bei Nacht und Nebel über das Schiffdeck schwappen. Metallisch und brachial tritt der Opener "Death Eater" quasi die Kabinentür ein und gibt die Marschrichtung der nächsten 45 Minuten vor. Harte Riffs treiben das Album voran, während Lindows emotionaler Gesang eisige Melodien zum Leben erweckt. Lindow bedient sich dabei dem vollen Umfang seiner Stimmbänder und schwankt zwischen verzweifelten Cleangesang und wuchtigem Gebrüll.

"Lanterns“ erschafft so eine dunkle, teils sogar furchterregende Atmosphäre, welche dem Album selbst bei Mitsing-Hymnen wie "Wars To Walk Away From“ oder "Better To Burn“ einen gewissen Anspruch erhalten. Musikalisch lassen sich die Jungs aus Alaska nicht lumpen und schaffen es bravourös, auf dem schmalen Grat zwischen musikalischer Komplexität und Eingängigkeit zu balancieren. Insbesondere Drummer Kyle Baltus leistet durchgehend hervorragende Arbeit, welche die Songs spürbar aufwertet.

Einfach zu verdauen sind die Songs aufgrund der Thematik, dem emotionalen Gehalt und der dunklen Stimmung eigentlich nie, was sich für die Band jedoch zu einem zweischneidigen Schwert entwickelt. Einerseits wächst das Album im Laufe der Zeit gewaltig und offenbart dem Hörer bei jeden Umlauf mehr von seiner emotionalen Tiefe, die mit schonungsloser Ehrlichkeit präsentiert wird. Andererseits ist "Lanterns“ beileibe kein Album für jede Lebenslage und wirkt an einem schönen Sommertag ungefähr so fehl am Platz wie NICKELBACK auf dem Wacken.

Los geht's mit "Death Eater", dessen Namen sie aus Harry Potter entliehen haben und 36 Crazyfists drücken direkt auf's Gaspedal. Circle Pit-Alarm. Was sofort auffällt ist die natürliche Abmischung der Platte. Da klackert der Bass, da scheppert das Schlagzeug (im positiven Sinne) und die Bassdrum kickt wie in den frühen 2000ern, da beißt der Gitarrensound. Im Zwischenteil sieht man förmlich die Faust-Meere in der Luft auf der nächsten Show der Nordamerikaner.

"Wars To Walk Away From" bringt dann eine etwas psychedelischere Stimmung mit sich, die schön vom melodiösen Refrain aufgelöst wird. Lindows Stimme hat über die Jahre nichts an Authentizität eingebüßt und seine Balance zwischen Screams, Shouts und Melodien ist ausgewogen und clever wie eh und je.

"Better To Burn" ist strophentechnisch etwas sperriger, wird aber 36CF-typisch im Refrain aufgelöst. "Damaged Under Sun" beginnt perkussiv mit Drums und Bass, der hart angeschlagen mehr Schlagwerk denn Saiteninstrument ist. Verglichen zu den Refrains der vorangegangenen Songs ist jener schwerer greifbar und erschließt sich nicht umgehend.

Das zurückhaltend beginnende "Sea And Smoke" öffnet die Platte für melancholische Momente, die viel Raum für Lindows charakteristische Stimme und leidende Gesangslinien geben. In diesem Modus geht es weiter mit "Where Revenge Ends", bei dem eine schrabbelige Akustikgitarre den Ton angibt. Man stelle sich eine marode Blockhütte im verschneiten Arctic Village vor, eine Fell tragende Person mit Zottelbart vor einem schwach glimmenden Kamin...wäre der Song ein Pinsel, könnte er dieses Bild malen.

Genug getrauert. "Sleepsick" weckt den Hörer mit einem Shuffle-artigen satten Riff aus seiner Verlorenheit. Der massiven Wand aus Doublebass-Attacken wird noch ein ruhiger Zwischenteil gegenübergestellt. "Bandage For Promis" startet mit der tiefen erzählähnlichen Stimme Lindows und nimmt dann langsam Fahrt auf. Und hier erklingt dann auch das erste Gitarrensolo der Platte, das in seiner Zurückhaltung vielleicht auch mehr Melodiepart sein soll, aber gar nicht hätte sein müssen. Dadurch, daß der Bass in diesem Moment alleine den Song tragen muss, wirkt der Gitarrenpart ein wenig verloren und der Song schwächelt subjektiv betrachtet etwas.

"Laying Hands" ist ein klassischer 36CF-Song. Spannungsaufbauende Strophe, treibender Refrain. Und hier findet sich das nächste Solo, dieses Mal etwas ausgereifter, aber auch jenes nimmt dem Song ein wenig das Futter. "Below The Graves" hat beinahe thrashigen Charakter, besonders in der Bridge des Songs. Das Halftime-Strophenriff erinnert hier und da an Killswitch Engages "Rose Of Sharyn" und schiebt den Metalcore-Vibe ins Trommelfell.

"Old Gold", das vorletzte Stück der Platte bringt dann wieder den psychedelischen Ansatz zurück, wirkt angriffslustig und hinterlistig. Dessen böööse Bridge leitet über in den erwartet melodiösen Refrain, der schizophren teils mehrstimmig interpretiert wird und zur Mitte des Songs in eine Art Breakdown kippt. "Dark Corners", der Abschluss der Platte, ist eine schwermütige Nummer mit charakteristischer unverzerrter Gitarre. Zum Ausklang unterstützen verhalten (elektronische) Streicher die Stimmung.

36 Crazyfists besinnen sich mit „Lanterns“ zu den puren Härtegestaden zurück!

Tracklist


01. Death Eater
02. Wars To Walk Away From
03. Better To Burn
04. Damaged Under Sun
05. Sea And Smoke
06. Where Revenge Ends
07. Sleepsick
08. Bandage For Promise
09. Laying Hands
10. Below The Graves
11. Old Gold
12. Dark Corners

https://www.youtube.com/watch?v=wVzOhJhFecc