Zum Hauptinhalt springen

Amberian Dawn - Looking For You 2020

Auf ihrem achten Studioalbum "Looking For You" zeigen sich AMBERIAN DAWN in der Form ihres Lebens: Perfekt ausgefeiltes Songwriting voller eingängiger Melodien und epischer Keyboardflächen sorgt auf Krachern wie der Single "United" für Gänsehaut. Im Duett mit Fabio Lione (ex-Rhapsody Of Fire) verzaubert Sängerin Capri Virkkunen beim ultimativen Symphonic Metal Gipfeltreffen "Symphony Nr.1 Part 3 – Awakening"!

Die positiv aufgeladenen, facettenreichen Texte der Finnen verschmelzen mit flirrenden Gitarren und pompösen klassischen Elementen zu einem süchtig machenden Cocktail.

Die Platte beginnt mit der ersten Single “United” und einem bemerkenswert komplexen Keyboard-Sound. “Über 20 verschiedene Vintage-Synthesizer wurden hierfür verwendet”, verrät die Band auf Youtube. Textlich wundert man sich – ebenso wie bei Lied Nummer 2 “Eternal fire burning” – allerdings etwas über die sehr simpel gehaltenen, ja plakativen Botschaften. “United we stand, divided we fall”, “Never give up on your goals or your dreams”, “You can do anything you wanna do”, diese Aussagen klingen allzu sehr nach Kalenderspruch, Glückskeks oder Anime-Intro und verfangen beim Hörer allenfalls, wenn er gerade auf dem Selbstfindungstrip ist und nach Motivation sucht.
Während der Strophen werden die Gitarren teilweise ganz ausgesetzt und kommen erst bei der Bridge wieder zum Vorschein. Zum Glück wird es danach vielschichtiger.

Mit “Looking for you” kommen wir nicht nur zum Titelsong des Albums, sondern auch zu Single Nr. 2, die auch mit einem Video veröffentlicht worden war. Nach den Animationsbotschaften des ersten Teils werden wir nun inhaltlich mit jemandem konfrontiert, der etwas Aufheiterung tatsächlich vertragen könnte. Der Song ist nämlich eher traurig gehalten, es wird das Vermissen einer anderen Person thematisiert, wieder untermalt mit 80er-Keyboard, dessen Rhythmus entfernt an AMBERIAN DAWNs Überhit von 2014 “Magic Forest” erinnert. Ans Eingemachte geht es dann ab Song 4, hier kommt dann das erste Mal auch echte Gesellschaftskritik aufs Tapet. Die leidige Notwendigkeit, im Alltag praktisch pausenlos Masken zu tragen und seine wahren Gefühle zu verbergen, um nicht angreifbar und verletzlich zu erscheinen, wird angeprangert. Die Botschaft ist klar: “It’s not okay!”. Diesen eindringlichen Appell sollte die Gesellschaft wirklich ernstnehmen, denn die Unehrlichkeit und der Schein regieren allenthalben und wer es wagt, öffentlich emotional zu werden, wird entweder gnadenlos niedergemacht oder in ein RTL-Trash-Format gesteckt.

Aber mit “Symphony Nr. 1 Part 3 Awakening” bekommen wir die geballte Ladung Klassik wie eine Kanonenkugel ins Gesicht. Ein wunderbares Duett von Sängerin Capri Virkkunen mit Fabio Lione (RHAPSODY (OF FIRE)) entfaltet seinen Zauber. Wechselseitiger Gesang im Dialog in bester Tradition des “Phantoms der Oper” mit eigenwilligen Rhythmen mit viel Text wie für Opernaufführungen typisch, ziehen uns unweigerlich in ihren Bann.
Das Besondere an dem Song: Er ist ein albenübergreifendes, zusammenhängendes Werk. Teil 1 “The Witchcraft” fand sich auf dem Album “Innuendo” und erzählte von der Verfolgung einer jungen Hexe, Teil 2 “Darkness of Eternity” war Teil des gleichnamigen Albums von 2017 und handelte von der Schwelle zwischen Tod, Leben oder dem Dasein als Untote und in dem nun folgenden Teil 3 werden gegebene Versprechen und deren Bruch bzw. die daraus folgende Enttäuschung und die Fragilität von Vertrauen behandelt.
Und damit nicht genug: Wir haben hier eine der seltenen Gelegenheiten, Capris Stimme wieder mit einer klassischen Einfärbung genießen zu dürfen. Dies war zuletzt auf der Vorgängerplatte z.B. bei “I’m The One” angeklungen, hier bekommen wir die Delikatesse in Reinform. Große Klasse! Eine wirkungsvolle Geste in Richtung derjenigen, die mit ihrer Kritik an der überragenden Vokalistin nicht gespart hatten und die leidigen Vergleiche mit der Vorgängerin Heidi Parviainen immer wieder zur Sprache bringen wollten. Capri vereint die Fähigkeiten für klassischen UND rockigen Gesang in sich und das ist ein großes Geschenk, das wir einfach annehmen sollten.

Bei dem schnellen Song “Go for a ride” bleibt die wahre Intention eher unklar. Die energischen Aufforderungen, loszulaufen und am Ende Sieger zu bleiben, die Ermahnung, dass man der Erste im Rennen des Lebens sein muss, um entlohnt zu werden und das ABBA-Zitat “The winner takes it all” können einerseits in die gleiche Motivationskerbe schlagen wie am Beginn des Albums, andererseits aber auch ironisch überspitzt als Kritik an der heutigen Leistungsgesellschaft verstanden werden. Nehmen wir einfach mal Letzteres an. Ohrwurmpotenzial hat der Chorus auf alle Fälle. Die nachfolgenden beiden Lieder “Butterfly” und “Universe” bilden ein Gegensatzpaar. Während der erste Song mit einer herrlichen Leichtigkeit – sowohl musikalisch als auch textlich – überzeugt, führt “Universe” unweigerlich zu einem dicken Kloß im Hals. “Butterfly” ist wie ein lauer Sommerwind und nimmt uns mit auf eine Reise mit einem Schmetterling, der seiner Sehnsucht nach Freiheit folgend, ein kurzes aber wunderbar erfülltes Leben ohne Verantwortung führen darf. Der Song “Universe” dagegen wird eingerahmt von einem gehauchten, hallenden Intro und Outro, sanft auf unsere Ohren getupft von Capris zitternder Stimme, getränkt von Melancholie. Der Protagonist lauscht am Anfang des Liedes noch verzweifelt dem schwach schlagenden Herzen der sterbenden Geliebten und blickt mit ihr in die Weite des Universums, nur um am Ende das Verstummen dieses Herzens zu bezeugen und zu erkennen, dass die Tote sein ganzes Universum ist. Eine wunderschöne und musikalisch meisterhaft umgesetzte Geschichte und sicherlich ein Juwel dieses Albums.

Sängerin Capri wirkte bereits vor etlichen Jahren in einer finnischen Version eines ABBA-Musicals mit und porträtierte dort Anni-Frid Lyngstad. Die Faszination von Mastermind Tuomas Seppälä für die schwedischen Superstars ist auch hinlänglich bekannt. Schon während der letzten Alben wurde der Wunsch der Fans nach einem ABBA-Cover immer lauter und nun ist es also endlich soweit. Die Band suchte sich aus deren unzähligen Hits den Song “Lay All Your Love On Me” heraus. Die Idee, diesen Song in ein Metalgewand zu kleiden, ist nicht unbedingt neu, es gibt bereits grandiose Umsetzungen, beispielsweise von AVANTASIA und HELLOWEEN, dort allerdings naturgemäß sehr gitarrenlastig. AMBERIAN DAWNs Version ist näher am Original, mit dem Fokus auf Keyboardbegleitung mit Orgeleinfärbung. Der Song entwickelt hier seinen ganzen Bombast und die gewünschte Kirchen-Assoziation und man kann dieses Cover nur als rundum gelungen bezeichnen. Der Ruf nach einem kompletten ABBA-Cover-Album durch AMBERIAN DAWN wird jetzt sicherlich noch lauter erschallen.

Mit einem kurzen Keyboardinstrumental in Flötenakustik namens “Au revoir” entlassen uns AMBERIAN DAWN nun fast in die Nacht, doch ein Blümchen muss dringend noch gepflückt werden: Die Re-Mastered-Version von “Cherish My Memory”, die im Herbst 2018 auf Youtube vorgestellt worden war, findet hier nun seinen verdienten Platz auf einem Tonträger. Die aufgepeppte und um ein paar Orchester- und Keyboard-Elemente erweiterte Version des Songs von 2014 bildet einen schönen Schlusspunkt.

Bandmitglieder:

Gesang – Capri
Gitarre – Emil Pohjalainen
Gitarre und Tasteninstrumente – Tuomas Seppälä
Bassgitarre – Jukka Hoffren
Schlagzeug – Joonas Pykälä-aho

Tracklist:

01.  United
02.  Eternal Fire Burning
03.  Looking For You
04.  Two Blades
05.  Symphony Nr. 1 Part 3 - Awakening (Feat. Fabio Lione)
06.  Go For A Ride
07.  Butterfly
08.  Universe
09.  Lay All Your Love On Me (ABBA Cover)
10.  Au Revoir
11.  Cherish My Memory Re-Mastered (Bonustrack)

 

AMBERIAN DAWN - Looking For You (Official Video) | Napalm Records

 

zu hören bei www.darkradio.de