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Evergrey - The Atlantic 2019

Nach ihrer Beinahe-Auflösung legten EVERGREY 2014 mit „Hymns For The Broken“ ein bärenstarkes Comeback hin und konnten ihren Status als Band mit einem sehr eigenständigen Stil, mit dem gerade schon erwähnten „The Storm Within„, noch weiter festigen. Erwähnt werden muss aber auch, dass auf diesen beiden Alben, neben komplexeren Songs, wie dem großartigen „King Of Errors“, viele sehr eingängige Kompositionen mit geradezu poppigen Refrains zu finden waren. Durch Englunds sehr emotionale Art zu singen, verstärkte sich dieser Eindruck noch.

Legt man nun den neuen Longplayer „The Atlantic“ ein und erwartet, dass der auf den beiden Vorgängern eingeschlagene Kurs einfach weitergeführt wird, stellt sich direkt zu Beginn von „A Silent Arc“ ungläubiges Staunen ein. Schon das Anfangsriff tönt gleichermaßen hart wie auch progressiv aus den Boxen. Der Song dürfte zum komplexesten gehören, das die Band je geschrieben hat, womit das Prädikat Progressive Metal hier auch tatsächlich zu Recht vergeben werden kann. Um es gleich einmal vorweg zu nehmen: Alle Fans, die EVERGREY hauptsächlich wegen der Balladen und Songs wie der Floor-Jansen-Kooperation „In Orbit“ kennen und lieben gelernt haben, dürften nicht unbedingt große Freunde von „The Atlantic“ werden, auch wenn nach wie vor nicht auf eingängige und emotionale Refrains verzichtet wird. Obwohl das Meeresthema im Laufe des Albums immer wieder aufgegriffen wird, soll übrigens nicht wirklich der Atlantik an sich besungen werden, sondern eher Erfahrungen des Lebens, das sich laut Englund „wie eine Reise über den Ozean, auf dem Weg zu fernen Ufern“ gestaltet.

Während „Weightless“ zwar nicht die Komplexität von „A Silent Arc“ erreicht, ist aber auch dieser Song wieder ein gutes Beispiel für das große Plus an Düsternis und Härte, das wieder Einzug in den Bandsound gehalten hat. Überhaupt werden softe Parts fast immer mit dicken, tief gestimmten Gitarrenwänden gekontert, was dem Material ordentlich Kante verleiht. Eine typische EVERGREY-Ballade, die sich auf den vorangegangenen Releases nicht zu knapp fanden, sucht man hier konsequenterweise auch vergebens.

Die zehn Songs der Scheibe zeichnen sich durch enorme Wucht, aber auch Tiefgang und spannende Detailarbeit aus. Der Track ‚Departure’ beispielsweise bettet seinen Gesang überwiegend in Bass, Schlagzeug, Klavier und Akustikgitarre ein. „So etwas hat es bei Evergrey in dieser Form noch nie gegeben“, erklärt Englund mit Stolz und fügt hinzu: „Diese Nummer klingt wie eine Expedition, anstatt wie ein typischer Dreieinhalbminuten-Hit arrangiert zu sein.“ Eine Umschreibung, die für The Atlantic generell zutrifft. Englund: „Vermutlich ist dies die bis dato komplexeste und progressivste Scheibe unserer Karriere und umfasst sämtliche Elemente, die unsere Fans lieben.“ Ganz klar: Musikalisches Fastfood klingt anders, bei Evergrey gibt es exquisite Vollwertkost.

„The Atlantic“ könnte also das perfekte Album für alle Fans sein, denen die beiden Vorgänger zu „weichgespült“ daherkamen. Wenn, ja wenn nur die Keyboards nicht wären. Natürlich ist es nichts neues, dass diese bei EVERGREY auch mal stärker im Vordergrund stehen. Allerdings fügten sie sich bislang eigentlich immer sehr gut in den Gesamtsound ein und klangen auch nicht nach Kirmes-Techno. Gerade in im Refrain von „Currents“ und der Strophe von „The Beacon“ fallen die Synth-Melodien aber wirklich negativ auf und zerstören ein gutes Stück der an sich sehr stimmigen Atmosphäre. Schade, da es ansonsten auch an der Produktion eigentlich nichts auszusetzen gibt.

Tracklist

01. A Silent Arc
02. Weightless
03. All I Have
04. A Secret Atlantis
05. The Tidal
06. End Of Silence
07. Currents
08. Departure
09. The Beacon
10. This Ocean

 

EVERGREY - Weightless (2019) // Official Music Video // AFM Records