Zum Hauptinhalt springen

Seether - Poison The Parish 2017

Musik mit einem Schuss aus einer Selbstladeflinte in Kurt Cobains Garage

Seether - Poison The Parish 2017



Eine dreiköpfige Heavy-Rock Band, die hier in Deutschland leider auch nach 18 Jahren Bandgeschichte viel zu wenig Aufmerksamkeit bekommen hat.
Kritiker konnten sich mit den letzten beiden Alben kaum anfreunden, zu deutlich kippte das neue Material in Richtung Radio, das selbst dem Alternative Metal US-amerikanischer Prägung als Feindbild dient. Diesen Schuh wollen sich SEETHER nicht mehr länger anziehen

SEETHER werfen massig Ballast ab und vertrauen auf ihre Kernkompetenzen: Kaum Streicher, keine Einspieler, alleine das Zusammenspiel aus Gesang, Gitarre, Bass und Schlagzeug soll überzeugen. Die harte Interpretation der neuen Songs unterstreicht den Anspruch, die eigene Popaffinität wieder stärker in der Schnittstelle von Hard Rock und Metal zu verorten. In diesem ominösen Genre namens „Post-Grunge“ geht die Band damit einen durchaus mutigen Schritt, denn entweder wird er von den Kollegen erst gar nicht gewagt oder er misslingt ihnen völlig. Doch bei SEETHER könnte die Rechnung tatsächlich aufgehen.
„Poison The Parish“ lebt von der Abwechslung, die sich trotz der abgespeckten Instrumentierung einstellt, vor allem aber von den harten Rockern, die die Kontraststärke auf angenehme Weise erhöhen. Besonders mit der Vorabsingle ‚Let You Down‘ haben SEETHER den obligatorischen Hit abgeliefert, der in diesem Fall TOOL und DEFTONES verbindet, durch den Refrain aber die nötige Eigenständigkeit erhält. Die Hitdichte ist zwar verhältnismäßig überschaubar, doch dieses Mal wiegt das Albumerlebnis schwerer. Aufs Wesentliche bedachte Songs (‚Stoke The Fire‘, ‚Betray And Degrade‘), stehen neben Halb-Balladen (‚Against The Wall‘, ‚Let Me Heal‘) und kleineren Experimenten (‚Saviours‘, ‚Emotionless‘) und sorgen für abwechslungsreiche 46 Minuten.

Das Album startet mit „Stoke The Fire“ und gibt direkt volles Pfund aufs Maul und ich zu meinem Teil habe sofort das Bedürfnis mit dem Kopf im Takt zu nicken, wenn dieser aggressive Riff durch die Lautsprecher dröhnt. In der Strophe ist es dann etwas ruhiger, während Frontmann Shaun Morgan auf eine seltsam passiv-aggressive Art seinen Text singt. Eine verzögert einsetzende Gitarre unterstützt diese treibend im zweiten Teil der Strophe bevor es dann im Refrain wieder lauter wird. Im Verlauf seiner knapp dreieinhalb Minuten Laufzeit wird der Song immer aggressiver und setzt die Messlatte der kommenden fünfzig Minuten sehr hoch. „Stoke The Fire“ gibt einen perfekten Start in ein neues Album nach drei Jahren SEETHER-Abstinenz.

Weiter geht es mit „Betray And Degrade“ und auch hier gibt es nach einem kurzen Gitarre/Gesangs Intro wieder das volle Rockbrett ins Gesicht. Ein sehr solider Song, der in der Bridge so aggressiv wird, dass sich jeder Hardcore-Fan im Moshpit sofort auf die Zwölf geben will. Hier zeigt der liebe Shaun erneut, dass er nicht nur schön singen, sondern auch schreien kann.
Zu aggressiv? Kein Problem! „Something Else“ ist ein düster und lethargisch klingender Rocksong, der die Stimmung aufgrund dieser Tatsachen zwar nicht wirklich auflockert, aber direkt zeigt, dass es nicht immer nur das Gleiche sein muss. In meinen Augen ist der Song leider etwas zu melancholisch und deswegen fühlen sich die knapp vier Minuten deutlich länger an, als sie in Wirklichkeit sind.
An vierter Stelle ewartet uns „I’ll Survive“ und durch die anklingenden Akustik-Gitarren scheint es fast so, als würde die erste Ballade auf uns warten. Erstmal nichts Besonderes aber in dem Moment, wo der Refrain einsetzt klappt mir die Kinnlade runter. Alter Schwede, kann dieser Mann Gesangsmelodien schreiben.
Als nächstes kommen zwei „Rockballaden“ in Folge und drücken die Stimmung sehr tief runter. Beide Songs sind langsam, träge und lethargisch. Mit „Against The Wall“ und „Let Me Heal” geht es ganz in die dunkelste Ecke der menschlichen Seele bevor es mit „Saviours“ wieder einen Song gibt, bei dem man kollektiv durch die Konzerthalle springen möchte. Auch hier gibt es das bekannte aber funktionierende Muster der ehemaligen Südafrikaner. Catchy Riff, harte Bassline und ein Refrain, bei dem man sofort mitgrooven muss.
„Nothing Left“ ist die zweite Videoauskopplung der Platte und startet mit mehr aggressiven Gesang und einer bösen Gitarrenspur, bevor es auch hier wieder Vollgas durch die Windschutzscheibe geht. Weitere Shouts im Refrain unterstreichen diese Stimmung.
Die nächsten zwei Songs nennen sich „Count Me Out“ und „Emotionless“ und hier ist wieder miese Stimmung und Depression angesagt. Mehr langgezogene Noten, Verzweiflung und träge Drums.

Das Schlusslicht bildet der Song „Sell My Soul“ und dieser hat einen sehr Country-artigen Einfluss. Bei jeder anderen Rockplatte hätte ich gedacht, dass es nicht so richtig zusammenpasst; aber doch - dieser Song bildet das perfekte Ende zu einem fast perfekten Album.

Dafür, dass sich Seether erst kurz vor der Jahrtausend­wende gegründet haben und Musik spielen, die sich mit einem Schuss aus einer Selbstladeflinte in Kurt Cobains Garage im Grunde 1994 eigentlich erledigt hatte, halten sich die Südafrikaner ganz schön erfolgreich im Geschäft.

Tracklist

01. “Stoke the Fire”
02. “Betray and Degrade”
03. “Something Else”
04. “I’ll Survive”
05. “Let You Down”
06. “Against the Wall”
07. “Let Me Heal”
08. “Saviours”
09. “Nothing Left”
10. “Count Me Out”
11. “Emotionless”
12. “Sell My Soul”



https://www.youtube.com/watch?v=pnlwqqy4XB4